HOMO SENSIBILIS
Die religiöse Weltanschauung ist das früheste gemeinsame
Moment im menschlichen Bewußtsein. Religion ist Zeugnis
und Ausdruck dafür, daß der Mensch der Welt in
der er lebt, gewahr wird.
Der inhaltliche Vergleich von Weltschöpfungs-Mythen und
archaischen Weltmodellen in altägyptischen Schriften,
in mesopotamischen, indischen, iranischen chinesischen, altgriechischen,
ebenso wie ein Vergleich der Grundthesen der Weltreligionen
erlaubt, von einer relativen Übereinstimmung mit dem
Model des Einen Prinzips der Natur zu sprechen.
In allen Modellen läßt sich das Prinzip der drei
Etappen bei der Erschaffung der Welt verfolgen. Welterschaffungsmythen
beginnen mit der Beschreibung dessen, das am Anfang war. In
der Regel gleicht dieser Anfang dem Chaos und Nicht-sein. Die
Beschreibung des in Etappen fortschreitenden Entstehens und
Sich-Entwickelns beginnt stets in einem 3Punkt höherer
Wertigkeitã, der mit dem Zentrum der Welt gleichgesetzt
wird, oder mit einem Urelement, einer Materie oder einem
dieses Urelement personifizierenden Objekt:
Ä
gypten (heliopolische Version): Vor dem Schöpfungsakt
war ein Wasserchaos, aus dem der Gott Demiurg Atum sich selbst
und den Urhügel erschuf;
Mesopotamien (3Enuma Elischã): Der Gott Apsu
Indien (3Rigvedaã): Das Eine (tad ekam);
China (3I-Gingã): der absolute Ausgangspunkt der Welt/Ur-Anfang
(Tai Gi),
in der 3Theogonieã Hesiods: Chaos;
im Hinduismus: 3Das goldene Ei des Brahmaã
In der antiken Mythologie galten als Ur-Anfang verschiedene
Substanzen: bei Thales: Wasser; bei Anaximandros: Apeiron;
bei Heraklit: Feuer; bei Xenophanes: Staub; bei Demokrit: das
Atom
Dieser Ur-Anfang kann als Punkt 1 im Modell definiert werden.
In der zweiten Etappe der Weltschöpfung teilt sich das
Ur-Element in zwei Gegensätze, die in verschiedenen Mythen
als Oben und Unten / Himmel und Erde vorgestellt werden, oder
als Erscheinen zweier entgegengesetzter Kräfte. Diese
Schöpfungsetappe entspricht dem Erscheinen der 3Erst-Zeitã,
wenn sich Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft bilden.
In dieser Dichotomie stellt die sakrale Ur-Zeit den Ur-Grund
aller folgenden Ereignisse dar. Die Entstehung der Welt als
Ergebnis der Einführung grundlegender binärer Gegensätze:
Himmel ö Erde; Oben ö Unten; Heiß ö Kalt;
Männlich ö Weiblich; Gut ö Böse; setzt
die Entwicklung von Merkmalen in Richtung eines Mehr oder
Weniger voraus.
Binäre Oppositionen, die in der zweiten Schöpfungsetappe
entstehen, kann man als zwei Punkte im Modell definieren:
als Punkte 2.1 und 2.2.
In den altägyptischen Mythen entspricht dieser Vorgang
dem Erscheinen des Luftgottes Schu und der Göttin der
Feuchtigkeit Tefnut,
in Mesopotamien ist es die Teilung des chthonischen Ungeheuers
Tiamat in Oben und Unten/Himmel und Erde,
im 3Rigvedaã: das Trockene und Nicht-Trockene, oben
und unten, Begierde und Anstrengung. Im (Zoroatrismus) Zarathustra-Kult:
der gute Gott sepanta meynu und der böse Gott angra
meynu;
im 3I Gingã: zwei elementare Kräfte 3Yangã und ãYinã;
im Hinduismus: die Teilung des 3Goldenen Eis des Brahmaã in
Himmel und Erde und die Teilung des Brahma in eine männliche
und eine weibliche Hälfte;
bei den antiken Philosophen: Warm und Kalt (Anaximandros),
der Weg nach oben und der Weg nach unten (Heraklit), Erde und
Wasser (Xenophanes).
Die nächste Schöpfungsetappe stellt die Entwicklung
von Beziehungen zwischen zwei Gegensätzen dar, aus denen
die Vielfalt der Welt resultiert. Diese drückt sich weiter
in einer Dreiteilung aus und in der Entstehen neuer Strukturen
mit drei Grundpositionen: im Himmel: Sonne, Mond und Sterne;
auf der Erde: Pflanzen, Tiere, Mensch;Ê der Weltberg:
Gipfel, Fuß und Körper des Bergs; der Weltenbaum
ist eingeteilt in Krone, Stamm und Rinde. In vielen Mythen
entsteht aus dem göttlichen Paar, dem Gott des Himmels
und der Göttin der Erde, ein neuer Gott, ein Gott-Sohn,
oder ein 3kulturellerã Held. In der Regel bestimmt die
mythologische Denkweise während dieser Etappe bereits
konkrete Begriffe der realen Welt. Die räumliche Vorstellung
konkretisiert sich und der Raum ist erfüllt von verschiedenen
Elementen und Objekten.
In dieser Etappe erscheint die Dreiteilung der Welt und man
kann dies gleichsetzen mit den drei Punkten des Modells:
3.1 ö 3.2 ö 3.3
Die Einteilung der Welterschaffung in drei Etappen, ebenso
wie die Einteilung der existierenden Welt in drei Ebenen, entspricht
dem Grundprinzip in der Weltanschauung des Menschen im Altertum.
Dieser Ordnung ist das gesellschaftliche Leben ebenso unterworfen,
wie das Verhalten des einzelnen in der Gesellschaft.
Die archaische Regulierung sozialer Beziehungen geschah durch
Totemismus und Tabu. In archaischen Formen menschlichen Zusammenlebens
entstand durch die Notwendigkeit, sich über die umgebende
Welt zu verständigen, sprachlicher Austausch.
Dem lag die Sicherung der Kontinuität und Stabilität
der sozialen Struktur dieser Früh-Gesellschaft zugrunde
Die materielle Beschaffenheit der realen Welt definierte
die gesellschaftliche Struktur. Das Totem ist konkreter Ausdruck
dieser übers Materielle definierten Struktur: ein real
existierendes, materielles Objekt: ein Tier, eine Pflanze,
seltener ein unbelebtes Objekt, dessen regulierende Opposition
das Tabu darstellt, das Unterschiede im sozialen Status innerhalb
der Gesellschaft widerspiegelte.
Das Totem stellte ein universelles Kommunikat der Gesellschaft
dar. Mit metaphysischen Qualitäten versehen wird ein Objekt
zum Totem, zum Gegenstand einer religiösen Beziehung.
Metaphysische Eigenschaften verwandeln sich losgelöst
vom Objekt im menschlichen Bewußtsein in eine selbständige
Wesenheit, in ein Zeichen, das eine die sensorischen Realität
widerspiegelt und selbst zum Objekt der Wahrnehmung wird. Sensorische
Reflexionen formen sich im Bewußtsein in Form von 3Zeichen-Geistã.
Die Personifikation des Geistes, als innere Realität des
Menschen, stellt den Akt der Erschaffung von Gott dar. Gott,
in diesem Fall der Absolute Glaube, ist eine sensitive Position
des Bewußtseins, die die Umwelt als von Gott gegeben
betrachtet.
Die Entstehung religiös-sozialer Institutionen ging dann
vonstatten in Übereinstimmung mit Positionen des mythopoetischen
Bewußtseins. Normalerweise stand der Oberste in der Gemeinschaft
im wechselseitigen Austausch mit der Gottheit, oder ihrem 3Sohnã,
oder mit einer diese Gottheit unmittelbar repräsentierenden
Person. Die gesellschaftliche Hierarchie verfestigte sich durch
rituelle Handlungen, die von religiösen Institutionen
reglementiert wurden.
Die Ganzheitlichkeit, Einheitlichkeit des archaischen Denkens äußerte
sich in der formalen Gleichsetzung von Subjekt und Objekt,
vom Wesen und seiner Bezeichnung, also in der Gleichsetzung
von Wesen und Zeichen. Mythologisches Denken operiert mit konkreten
Objekten und Erscheinungen der Realität. Dabei tritt die Ähnlichkeit
der Eigenschaften der Gegenstände in den Vordergrund der
Wahrnehmung. Das was im rationalen oder wissenschaftlichen
Denken als Ähnlichkeit verstanden wird, wird bei der mythologischen
oder gefühlsmäßigen Weltwahrnehmung als Gleichheit
aufgefaßt, die die erste und primitive Form von Symmetrie
darstellt, die Symmetrie 1. Ordnung (Übertragung) in Raum
und Zeit. Diese Symmetrie charakterisiert die mythologische
Denkweise am vollständigsten. Konkrete Objekte oder Erscheinungen
können so zu Zeichen für andere Objekte und Erscheinungen
werden, ohne ihre Konkretheit zu verlieren. Das reaktive Bewußtsein
macht die von ihm beschriebenen Gegenstände rational zugänglich,
indem es Zeichen oder Zeichengruppen durch andere ersetzt.
Das Zeichen für einen Gegenstand ersetzt dabei nicht nur
das rationale Verständnis dieses Gegenstands, also ein
Symbol, sondern überträgt sich auch kraft der direkten
Gleichsetzung ins Vorstellungssystem des Menschen. Das heißt,
das Zeichen wird zum Produkt schöpferischer Vorstellungskraft ö zur
Gestalt, oder genauer, zum Gestalt-Zeichen. Die Umsetzung dieser
Vorstellung, also des zeichenhaften Bildes, oder seine Anwendung
in der Praxis des alltäglichen Lebens, äußert
sich im Ritual oder im kultischen Brauch, was im Grunde das
Wesen von Religion ist. Und so kann man Religion nicht nur
als Form der Weltanschauung betrachten, sondern auch als
soziale Institution.
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